SPECIAL: Das Sufferfest-Syndrom
Letztes Wochenende saß ich mit zwei guten Freunden beim Grillen. Der Geruch von Holzkohle lag in der Luft, das Bier war kalt, eigentlich ein perfekter Sommerabend. Doch die Stimmung hatte einen Riss. Einer der beiden, nennen wir ihn Basti, saß etwas abseits, das Knie unnatürlich gestreckt. Basti war bis vor Kurzem eine absolute Rakete. Erst dominierte er beim Klettern und Bouldern, dann transformierte er sich zu einem extrem starken Vertikalläufer. Er war der Typ, der scheinbar keine Schmerzen kannte, die steilsten Abschnitte im Uphill brachial nahm und Strava-Segmente der technisch-anspruchsvollsten Downhills in unserer Region für die Ewigkeit prägt.
An diesem Abend erzählte er mir, dass er sich einer schweren Meniskus-OP unterziehen musste. Der Knorpel ist zerstört. Er wird unseren Sport nie wieder so ausüben können, wie er ihn liebt. Der Grund? Massiver, jahrelanger Raubbau. Er hat jedes rote Flackern seines Körpers ignoriert, Warnsignale weggedrückt und weiter trainiert wie ein Profi. Jetzt hat der Berg, oder besser gesagt sein eigener Körper, die Rechnung präsentiert.
Während wir sprachen, musste ich unweigerlich an Kilian Jornet denken.
Wenn der König des Schmerzes die Wahrheit spricht
Kilian ist der unbestrittene GOAT (Greatest Of All Time) unseres Sports. Er ist das Posterboy-Gesicht der unendlichen Leidensfähigkeit. Doch in seinem aktuellen Video-Projekt und seinem begleitenden Substack-Artikel Every kilometer is a gift zieht er plötzlich den Vorhang zurück.
Kilian schreibt nicht über Unbesiegbarkeit. Er schreibt darüber, dass Spitzensport zutiefst ungesund ist. Er gibt offen zu, dass seine Karriere von Schmerzen, Verletzungen und strukturellen Schäden geprägt ist. Wenn der Mann, der scheinbar mühelos die Alpen überquert, zugibt, dass sein Körper eine Landkarte aus Narben und chronischen Entzündungen ist und er mittlerweile "jeden Kilometer als Geschenk" betrachtet – was sagt uns das?
Es sollte uns als Szene wachrütteln. Denn aktuell passiert genau das Gegenteil.
Die Midlife-Crisis in Laufschuhen und das Versagen der Trainer
Ich sehe immer wieder Hobbysportler – oft ambitionierte Typen Mitte-Ende 30 oder in den 40ern –, die aus einer diffusen Midlife-Crisis heraus beschließen, quasi "Profi-Trailläufer" zu werden. Sie setzen alles auf eine Karte. Sie kaufen nicht nur das exakte Equipment der Elite, sie kopieren auch deren Pläne.
Und noch erschreckender: Es gibt unzählige "seriöse" Coaches da draußen, die diesen Wahnsinn befeuern. Sie nehmen die positiven Erkenntnisse aus dem Profisport und stülpen sie 1:1 über den Hobby-Athleten. Sie verkaufen den Suffer-Fest-Lifestyle als ultimativen Weg zum Erfolg. Das ist nicht nur fahrlässig, es ist sportwissenschaftlicher Blindflug.
Die Allostatische Last: Warum du kein Profi bist
Der fundamentale Fehler liegt darin, dass wir den Menschen auf isolierte sportwissenschaftliche Studien reduzieren. Ein Profi wie Kilian Jornet hat nicht nur eine genetische Ausnahme-Architektur, er hat vor allem ein Umfeld, das zu 100 Prozent auf sein Training ausgerichtet ist. Sein Job ist das Training und die anschließende Erholung.
Wir Normalsterblichen operieren unter einem völlig anderen Paradigma, das in der Wissenschaft als Allostatische Last (Allostatic Load) beschrieben wird.
Dieses biopsychosoziale Modell besagt vereinfacht: Unser Körper unterscheidet nicht zwischen dem physischen Stress eines harten VO2max-Intervalls, dem psychologischen Stress eines drohenden Burnouts im Job, der schlaflosen Nacht wegen eines kranken Kindes oder den Sorgen um eine Hypothek. Alles läuft in denselben Trichter.
Wenn ein Coach dir den Trainingsplan der Elite gibt, verlangt er den physischen Output eines Profis von einem System, dessen Stresstrichter durch das normale Leben längst zu 80 Prozent gefüllt ist. Das Ergebnis ist keine Leistungssteigerung. Das Ergebnis ist Basti am Grill. Es ist der gerissene Meniskus, die chronische Achillessehnenentzündung, das Übertraining.
Ein Plädoyer für radikale Individualität
Als Coach ist es nicht meine Aufgabe, aus dir den nächsten Kilian Jornet zu machen. Meine Aufgabe ist es, dich vor dir selbst zu schützen, damit du mit 60 Jahren immer noch schmerzfrei auf einem Gipfel stehen kannst. Wir müssen die Romantik des endlosen Leidens beenden und anfangen, ehrlich zu trainieren.
Was können wir daraus lernen?
Entromantisiere den Schmerz: Schmerz ist kein Abzeichen für Tapferkeit, sondern ein neurologisches Stoppschild. Elite-Sportler überschreiten dieses Schild, weil es ihr Beruf ist und sie dafür bezahlt werden, ihre Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Für dich ist es ein Hobby. Hör auf, Raubbau als Heldentum zu feiern.
Dein Kontext ist dein Plan: Ein Trainingsplan, der dein berufliches und privates Umfeld nicht berücksichtigt, ist das Papier nicht wert, auf dem er steht. Wenn dein Stresstrichter im Büro überläuft, muss das Trainingsvolumen sinken. Wer das als Schwäche sieht, hat die menschliche Physiologie nicht verstanden.
Erfolg ist Langlebigkeit, nicht Strava-Kudos: Die größte Leistung im Hobbysport ist nicht der einmalige Zieleinlauf bei einem 100-Meiler, auf den ein Jahr Verletzungspause folgt. Die wahre Eliteleistung für uns ist Konsistenz. Es ist die Fähigkeit, über Jahrzehnte hinweg die Natur laufend erleben zu dürfen. Jeder Kilometer ist ein Geschenk – wir dürfen es nur nicht selbst kaputt machen.
Die Profis haben uns gezeigt, wo die absoluten biologischen Grenzen unserer Spezies liegen. Wir dürfen sie dafür bewundern. Aber unser Weg, unsere Architektur, muss eine andere sein.